Meldepflicht
Von der Meldepflicht zur DigiCard
Klaus Schön, Leiter Touristik Vertrieb AVS GmbH, über die größten Entwicklungen bei Card-Systemen und im Meldewesen, über teils wilde Erwartungshaltungen auf Kundenseite bei der Umsetzung digitaler Projekte und die These, warum Innovation und Nachhaltigkeit nicht so richtig gut zusammenpassen.
20 Jahre AVS-Tourismusforum, 10 Jahre TN-Deutschland – da lohnt ein Blick zurück. Was waren die größten Entwicklungen mit Blick auf die Themen Gästekarte und Meldewesen?
Schön: Die relevantesten Entwicklungen in diesen 20 Jahren waren im technologischen Kontext die generelle Marktdurchdringung der Onlinezugänge in Firmen und Haushalten und die Smartphoneverbreitung. Als wir mit dem Online-Meldeschein begonnen haben, wurde in den Beherbergungsbetrieben zum Teil noch mit Modems gearbeitet und auch die Internetverfügbarkeit hinterfragt. Und ein Handy hatte auch noch längst nicht jeder. Einschneidende Meilensteine ergaben sich neben dem technologischen Fortschrift insbesondere im Kurtaxwesen durch die Änderungen in der Rechtslage. Nicht zuletzt hat uns allen das Inkrafttreten der DSGVO vor acht Jahren viel Freude bereitet – mit Datenschutz, Löschfristen, Verschärfung der IT-Sicherheit und oftmals ausufernder Dokumentationspflicht. Die letzten zwei Jahrzehnte waren eine Herausforderung, hier immer aktuell zu bleiben.
In einer Welt, in der jedem erzählt wird, dass sich alles immer schneller verändert, ist es kein Wunder, dass sich auch Gastprofile und Neigungen stetig wandeln.
Teils hat die AVS die Entwicklungen und Diskussionen auch mitgeprägt – welche genau?
Als Technologieunternehmen prägen wir natürlich die Diskussion hinsichtlich der Frage, wie lassen sich für die Branche Abläufe verbessern. Zunächst hatten wir und auch andere Dienstleister die handschriftliche Gastanmeldung mittels Papiermeldescheinen und die fehleranfällige Doppelerfassung durch eine Weblösung ersetzt. Hier wurden schriftweise auch immer mehr Schnittstellen aus Hotelprogrammen umgesetzt, um auch für die Beherberger die Datenübergabe komfortabler zu gestalten. Zudem ging es darum, die erfassten Daten auch für angrenzende Bereiche zu nutzen – eben für Gästekarten, Abrechnungen und vor allem für Statistiken.
Der nächste Schritt waren dann die Upgrades von Papierkarten auf DigiCards für das Smartphone und die weiterführende Nutzung der GästeCards. Der ganze formelle Meldeprozess wurde auch durch uns smarter und serviceorientierter. Meines Erachtens haben wir, natürlich zusammen mit unseren Kunden, auch das Nachhaltigkeitsthema mitgeprägt, eben mit GästeCards, die den ÖPNV inkludieren. Durch unser AVS-Tourismusforum haben wir diese Themen und neue Projekte der Branche immer wieder nähergebracht und den Dialog unter etlichen Destinationen gefördert. Wichtig war uns auch, an das gegenseitige Verständnis füreinander zu appellieren. Eben auch für die Counterkräfte und Mitarbeiter in Verwaltungen, die letztendlich mit etwaigen rechtlichen Vorgaben und mit den digitalen Lösungen klarkommen müssen. Wir freuen uns auch, dass der ein oder andere Ort die Impulse aufgegriffen hat, seine Gästekarte stärker als Marketinginstrument weiterzuentwickeln.
Ökonomische Nachhaltigkeit bedingt, dass sich Geschäftsmodelle entwickeln dürfen – doch dafür braucht es Zeit und eine gewisse Beständigkeit
Bitte führen Sie folgende Sätze fort:
Gutes Steakholder-Management sollte…
.. dazu beitragen, dass die Parteien und Menschen Verständnis und Respekt füreinander haben oder entwickeln und bereit sind, gute Kompromisse einzugehen.
Nachhaltigkeit im Tourismus bedeutet nicht,…
sich nur in Jutegewänder zu pressen, sondern auf Beständigkeit zu setzen und nicht jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf zu jagen. In diesem Zusammenhang die These: Innovation und Nachhaltigkeit passen kaum zusammen. Ökonomische Nachhaltigkeit bedingt, dass sich Geschäftsmodelle entwickeln dürfen. Dafür braucht es Zeit und eine gewisse Beständigkeit. Wenn ich aber stark innovationsgetrieben handele, lassen sich selbst gute Modelle oder Systeme oft nicht dauerhaft erfolgreich betreiben. Das ist dann wenig nachhaltig.
Die Digitalisierung im Tourismus sollte…
um des Optimierens- und nicht um des Digitalisierungswillens stattfinden. Für diesen fortlaufenden Prozess braucht man aber Geduld und man sollte Verständnis dafür aufbringen, dass nicht immer alle gleich „Hurra!“ schreien….
Zum Meldewesen: Dieses Thema ist hochpolitisch, rechtlich komplex – und für Tourismus-Finanzierung und Statistik unerlässlich. Wenn man noch mal auf der grünen Wiese anfangen dürfte: Wie würde das perfekte und einfachste System aussehen?
Um ehrlich zu sein, denke ich, dass wir an dieser idealen Lösung ziemlich nah dran sind. Wir haben unsere Systeme dafür über 20 Jahre lang nah an der Praxis, am Markt und an der Rechtslage technologisch weiterentwickelt. Am Ende braucht es einen Systemkosmos – vornedran einen möglichst einfachen PreCheck-In und Registrierungsprozess und einer Check-In-Bestätigung durch den Gastgeber. Dann sollte die Ausgabe einer möglichst attraktiven Card für‘s Smartphone erfolgen und die Koppelung an den Infoservice der Destination, damit dem Gast gleich alle Leistungen und Attraktionen vor Ort vor Augen geführt werden. Und am Ende sollte eine fehlerfreie und gerechte Abrechnung stehen, damit auch die Tourismusfinanzierung klappt.
Seit Januar 2025 ist die besondere Meldepflicht für deutsche Staatsangehörige abgeschafft. Laut Dehoga handhaben es die allermeisten Betriebe aber wie früher. Ist das tatsächlich so?
Vielfach ja. Es hätte genügt, rechtlich einen papierlosen, also digitalen Meldeprozess zuzulassen. Die komplette Abschaffung der Meldepflicht für Deutsche war schlichtweg unklug, denn in der Praxis setzen alle möglichen Prozesse auf den Vorgang der Gastregistrierung auf; Abläufe, die für die Branche und DMOs wichtig sind, wie eben die Analyse der Ankünfte und Quellgebiete und natürlich die Gastbeitragserhebung und Gästekarten. Deswegen bestehen die grundsätzlichen Vorgänge beim Check-In weiterhin – nur wurde die Rechtsgrundlage für die Datenerhebung vom Bundesmeldegesetz auf die Ebene der kommunalen Abgabegesetze und Satzungen verlagert. Das Positive: Da die Verwaltungen nicht mehr zwingend an so etwas wie die Authentifizierung per Fingerabdruck auf dem Papiermeldeschein gebunden sind, kann der Check-In auch digitaler abgewickelt werden. So haben im vergangenen Jahr viele Kommunen auf Cards auf dem Smartphone aufrüsten können. Für die Gastgeber hat sich damit zumindest die Aufbewahrungspflicht erübrigt.
Die Abschaffung der Meldepflicht für Deutsche war unklug: In der Praxis setzen viele Prozesse darauf auf
Welche Rolle spielen moderne Card-Angebote für Gästegewinnung und Gästebindung?
Vorweggeschickt: Eine gute Servicequalität ist der Grundpfeiler der Gästebindung. Gäste-Cards haben sich aber in den Destinationen inzwischen so sehr etabliert, dass sie von Gästen eigentlich erwartet werden. Die Card ist der Schlüssel zu regionalen Sehenswürdigkeiten oder wird als Gegenleistung für den bezahlten Gastbeitrag verstanden. Insofern bilden Cards eine wichtige Komponente des Gästeservices. Dass mit einer Card gespart oder die Mobilität vor Ort gestaltet werden kann, zahlt dabei auf die wachsende Kostensensibilität der Gäste ein. Für das Destinationsmanagement wiederum bildet die Card wiederum eine ideale Möglichkeit, mit den Anbietern vor Ort im Dialog zu bleiben und diese ins Marketing und in die Produktbildung zu integrieren.
Immer öfter schließen die Cards auch Einheimische ein oder werden in besonderen Varianten sogar speziell aufgelegt. Was für Projekte betreut die AVS hier derzeit?
Manch Einheimischer erachtet es als ungerecht, dass für Gäste vor Ort Cards mit attraktiven Leistungen bestehen und Einheimische scheinbar leer ausgehen. Dass die Gäste für diesen Service bezahlen – und sei es indirekt – wird gelegentlich außer Acht gelassen. Die Politik sollte dieses Gefühl aber gerade im Sinne der Tourismusakzeptanz ernst nehmen. Außerdem lässt sich über Card-Systeme eben mehr abbilden. Und so entwickeln sich zunehmend Einheimischen- oder Bürger-Cards, die als Adaptionen oder Varianten technisch auf unseren touristischen Card-Plattformen aufsetzen. Eine unserer ersten Einwohnerkarten haben wir in Sellin auf Rügen umgesetzt. Auch die UsedomCard gibt es inzwischen für Einheimische. Weitere, teils preisgekrönte Einwohnerkarten betreiben wir für die Grimmeheimat Nordhessen, den Schwarzwald sowie für die Bewohner von Föhr und Amrum. Weiter Projekte in diesem Zusammenhang sind die Ehrenamtskarte im Landkreis Harz, die es ab Juli 2026 geben wird. Mit dieser Bonuskarte sollen Ehrenamtliche beispielsweise günstiger in Museen und Freizeiteinrichtungen kommen. Auch Mitarbeiterkarten wie im Appenzeller Ferienland, sogenannte StaffCards, werden immer beliebter. Interessant ist auch die ThüringerWaldCard, die als Angebot für Abonnenten der FUNKE-Mediengruppe als ClubCard konzipiert ist.
Bitte führen Sie folgende Sätze fort:
Die Umsetzung digitaler Projekte auf DMO-Ebene sind…
spannend, anstrengend und geprägt von wilden Erwartungshaltungen.
Der Tourismus-Standort Deutschland müsste…
sich erstens darauf besinnen, dass die touristische Kernaufgabe die Schaffung von Erholung und Erlebnissen ist. Und zweitens: sich angesichts der zuspitzenden wirtschaftlichen Lagen auf Bescheidenheit einstellen.
Im Unterschied zu früher sind Gäste heute…
digitaler, unsteter, anspruchsvoller, schwerer zu greifen, inhomogener und specialinterest-affiner. Es gibt sogar eine Community, die fährt im Urlaub ausschließlich zu Fußballspielen und sieht sich in 14 Tagen bis zu 20 Drittliga Spiele an. Aber das wird niemand auf Dauer durchhalten. Aber in einer Welt, in der jedem erzählt wird, dass sich Alles immer schneller verändert, ist es kein Wunder, dass sich auch Gastprofile und Neigungen stetig wandeln.
Mal in die Glaskugel geschaut. Wohin geht die Reise im Deutschlandtourismus in den nächsten zehn Jahren?
Der Binnentourismus könnte weiterhin blühen – aber es hängt davon ab, welche Krisen dominieren werden: Klima, Energie, Wirtschaft, geopolitische Konflikte oder die Virenlast. Wir haben auf jeden Fall einige Eisen im Feuer. Aber ich meine, der Tourismus sollte trotzdem die „Gute Laune“ und Erholungsbranche bleiben. Wir alle brauchen das Reisen und Urlaub! Viele werden den Gürtel jedoch vermutlich etwas enger schnallen müssen – auch wenn Bescheidenheit bei vielen nicht unbedingt eine Kernkompetenz ist.

