Mühsam. Aufwändig.

Und wieder einmal Pionierarbeit!

Ein Rückblick auf die Anfänge der digitalen Zukunft, neue und alte Tugenden, und warum es gut war, nicht von Google aufgekauft worden zu sein, bevor die Erfolgsgeschichte von Outdooractive richtig losging.

Wenn Sie zurückschauen: Was waren für Sie persönlich die Meilensteine der digitalen Entwicklung?

Wimmer: Ich hatte das große Glück – und auch den Ehrgeiz –, schon während meines Studiums und am Anfang meiner beruflichen Laufbahn digital arbeiten zu können, Informatikvorlesungen besuchen zu dürfen, Beta-Tester und Vorführer von CAD-Systemen sein zu dürfen etc. Dann kam das Internet und den ersten Browser von der Telekom musste man noch von einer CD installieren. Meine erste Website habe ich noch im Telefonbuch veröffentlicht. Dann kam das Handy und natürlich war ich einer der Ersten, der eines hatte – anfangs nur zum Telefonieren. Dann kamen die GPS-Geräte – von da an war mir klar, wohin die technische Entwicklung gehen würde: mobile Kartennavigation auf dem Handy.

Viele haben noch nicht verstanden, dass KI alle Prozesse auf den Kopf stellen wird. Aber weitsichtige Unternehmen bauen jetzt an soliden Lösungen der Zukunft

Hartmut Wimmer, Gründer und Aufsichtsratvorsitzender von Outdooractive

Und dann ging es direkt los mit den ersten eigenen Produkten?

Ja, wir haben dann die erste interaktive Karte entwickelt – zwei Jahre, bevor Google Maps erschienen ist. Google hat im Jahr 2006 die Firma Endoxon in Zürich gekauft. Daraus ist Google Maps entstanden. Endoxon war technisch genauso aufgestellt wie wir. Damals haben wir uns ziemlich geärgert, dass Google nicht uns gekauft hat. Heute bin ich froh darüber! Wir haben die ersten touristischen Smartphone-Apps entwickelt – zwei Jahre, bevor es den Apple App Store gab. Wir haben die Trennung von Daten und Websites eingeführt, also das, was man heute als Headles CMS oder Data-Hubs kennt. Wir haben auch mit unseren AGBs die Daten offen gemacht, sodass diese in verschiedene Kanäle distribuiert werden können, lange bevor es Open Data und CC-Lizenzen gab.

Meine erste Website habe ich noch im Telefonbuch veröffentlicht

In den drei Jahrzehnten, in denen Sie die Entwicklung von Outdooractive geprägt haben: Was würden Sie rückblickend mit dem Wissen von heute anders machen – oder auch genauso?

Technisch gesehen würde ich nichts anders machen. Wir haben immer die Zeichen der Zeit schnell erkannt und waren mit unserer Technologie rechtzeitig parat, wenn die Themen dann durchschlugen. So gibt es unser KI-Team nicht erst seit ChatGPT, sondern schon drei Jahre vorher. Was ich rückblickend anders machen würde, ist mehr Zeit in die Betreuung und das Wissen unserer Kunden zu investieren, um diese frühzeitiger mit auf die Digitalisierungsreise zu nehmen. Und ich würde noch eher als wir das getan haben auf die Bedürfnisse des Endkunden, also des Gastes setzen – anstatt immer wieder technische Sonderwünsche von der DMO-Seite umzusetzen.

Was waren bei der Digitalisierung des Outdoortourismus im Speziellen die größten Herausforderungen, um da zu stehen, wo Outdooractive heute ist?

Das war über die gesamte Zeit die Tatsache, dass wir zu früh dran waren mit unseren Entwicklungen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir akzeptiert haben, dass unsere Produkte fünf Jahre brauchen, bis sich nach einer Handvoll „First Mover“ und einer langen Phase der Resignation dann der Bedarf am Markt durchgesetzt hat. Heute sind das oft sogar bis zu zehn Jahre, in welchen wir versuchen, den Markt davon zu überzeugen, wohin die Reise gehen muss.
Was auch oft ein Hemmnis war und ist, sind Berater, die aus eigener Motivation heraus Kunden in unsinnige individuelle Technologie-Projekte hineinführen, anstatt gemeinschaftlich Standard-Software zu finanzieren. Dabei wird unglaublich viel Geld und Zeit verschwendet. Und vor allem spielen die Bedürfnisse der Gäste bei diesen senderbasierten Digitalisierungsprojekten kaum eine Rolle. Als B2B2C-Plattform stellen wir den Nutzer in den Vordergrund. Unsere Kunden haben aber immer noch Angst vor User-Generated-Content, Kommentaren und Bewertungen oder auch Datenschutzanforderungen. In der Folge verlieren sie damit täglich an digitaler Relevanz.

Bitte vervollständige folgende Sätze:

Die Digitalisierung des Tourismus in Deutschland ist…
…nicht so weit wie sie sein könnte. Das gilt für alle Bereiche, aber auch insbesondere im Tourismus. Die USA und China marschieren vorneweg, weil bei uns Investorenkapital fehlt und teilweise überzogene Regulierungen Innovationen ausbremsen. Es sind aber nicht alle Regulierungen unnötig: Gerade was die KI anbelangt, sind Leitplanken enorm wichtig.

Das Besondere an Outdooractive ist,…
…dass wir die einzige Plattform weltweit sind, auf der Destinationen mitsamt ihren Leistungsträgern einen eigenen, KI-basierten Reiseführer mit vollintegrierter Community aufbauen können. Damit kann man die millionenfach erprobte Technologie einer großen B2C-Plattform für seine eigene B2B2C-Webseite, für Apps und KI-Anwendungen nutzen und gleichzeitig Reichweite auf einer der größten Outdoor-Plattformen der Welt generieren.

Mit Blick auf Insights aus der Outdooractive-Plattform ist die vielleicht größte Überraschung, dass…
…noch immer viel zu viele unserer B2B-Kunden die Inhalte aus ihren Websites und Datenbanken nicht in die Plattform einspielen, obwohl die Daten vorhanden sind, die Konnektoren dafür existieren und die Dateneingabe sowie generische Ausspielung im bereits bezahlten Account enthalten sind. Folge: Die User können im digitalen Reiseführer keine Events anklicken, keine POIs nutzen und keine buchbaren Angebote und Unterkünfte finden. Das ist für alle Seiten schlecht.

Was hat Sie als Unternehmer angetrieben, trotz aller Widrigkeiten, Widerstände und Herausforderungen immer weiterzumachen?

Ich glaube, ich bin einfach ein Spinner (lacht) – und diese Antwort trifft vielleicht auf viele (erfolgreiche) Unternehmer zu. Wenn ich mir etwas vornehme, dann gebe ich alles dafür, das Ziel zu erreichen, egal ob das als Bergsteiger ist oder als Unternehmer. Ein ganzes Leben lang mit Vollgas auf der Überholspur muss man aber leben wollen! Die Work-Live-Balance ist da deutlich anders austariert als bei den allermeisten Menschen. Dazu braucht es einen sehr verständigen Partner, den ich mit meiner Frau Annette, die selbst auch in einer Führungsposition im Unternehmen ist, zum Glück habe.

Die Gesellschaft ist im Wandel: Offenheit, Toleranz und Work-Life-Balance stehen als neue Tugenden neben Zuverlässigkeit, Fleiß und Gründlichkeit als altes deutsches Erfolgsmodell. Wie bewerten Sie diese Entwicklung – und was bedeutet das für ein Unternehmen? 

Alle diese Tugenden – die alten und die neuen – sind grundsätzlich gut für eine Gesellschaft. In Deutschland neigen wir aber leider dazu, die Dinge zu übertreiben. Gleichzeitig wird diesen Extrem-Positionen durch die ganze Offenheit zu viel Raum gegeben. Das in Kombination führt dann zu vielen unsinnigen Resultaten. Aus Unternehmersicht kann ich sagen: Das Arbeitsrecht in Deutschland ist mittlerweile ein echtes Innovations-Hemmnis. Wenn man für jeden Arbeitnehmer, der über die Probezeit hinaus beschäftigt wird, durchschnittlich ein halbes Jahresgehalt zurückrückstellen muss, falls man sich irgendwann doch trennen sollte, dann ist das ein Thema. Und auch, wenn ich mich jetzt nicht bei allen beliebt mache: Innovative Unternehmen brauchen keinen Betriebsrat und keine Gewerkschaften. Das sind Relikte aus einer Zeit, als Unternehmen noch eine ganz andere Kultur hatten und Hunderttausende in den Stollen unterm Ruhrgebiet oder in Fabriken ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen mussten. Um auf die Werte zurückzukommen: Es täte unserem Land gut, wenn die alten Werte wieder mehr Bedeutung bekämen und ein jeder, der fleißig ist auch dafür belohnt wird.

Auch technisch geht die Entwicklung weiter: Outdooractive integriert als KI-Vorreiter gerade AI-Assistants an verschiedenen Stellen direkt in der Plattform. Wo entsteht aus ihrer Sicht dadurch der größte Nutzen für User und Anbieter?

Ich unterstelle jetzt mal, wir sind uns einig bei der Aussage, dass der Einzug der KI in unser Leben einen mindestens so großen Umbruch verursachen wird wie das Internet und die Smartphones. Unsere derzeitige technologische Abhängigkeit ist für mich diesbezüglich eine absolute Katastrophe. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was passieren wird, wenn wir jetzt alle noch weiter so vollkommen naiv ChatGPT und alle anderen amerikanischen Plattformen nutzen, munter unsere Daten dort hochladen, dabei unsere persönlichen Präferenzen preisgeben – und unsere Unternehmen darauf aufbauen wollen. Wenn unser Politiker dann noch so schlau sind, Palantir anzuschaffen, Tesla und OpenAI zu subventionieren und gleichzeitig das Vergaberecht und die Bürokratie für europäische Unternehmen immer weiter hochschrauben, dann geht das nicht gut aus.

Unsere technologische Abhängigkeit von den USA ist eine Katastrophe

Was kann man als Unternehmen gegen diesen Zustand tun?
Soweit es in unserer Macht steht, versuchen wir, uns nicht weiter abhängig zu machen. Wir nutzen möglichst europäische Services und Produkte, kaufen Autos und Computer von deutschen Herstellern und bauen ein Produkt, dass die deutsche und europäische Souveränität unterstützt. Wir nehmen nicht die komfortable Abkürzung und bauen Wrapper und Aggregatoren um die Tools der amerikanischen Plattformen herum – und erklären das dann zu „unserem“ Produkt. Wir entwickeln eigene KI. Das ist mühsam. Das ist aufwändig. Und es ist wieder einmal Pionierarbeit! Die einzigen Limits auf diesem Weg: Wir selbst und unsere finanziellen Ressourcen. Das ist unsere Unternehmens-DNA.

Was wird die eigene KI besser können?

Unsere B2B-Kunden und unsere B2C Nutzer haben dann einen einzigartigen Service. Wir bauen eine Experience-KI, die den Nutzer persönlich kennt und auf allen seinen Unternehmungen begleitet. Die KI wird gespeist durch die Daten der offiziellen Anbieter. Und die Destinations-DNA ist durch die semantische Reiseführerstruktur perfekt beschrieben. In der Outdooractive-KI finden Nutzer und Destination also perfekt zusammen. Unsere eigene KI begleitet den Nutzer nicht zuletzt über die Grenzen der Destination und hinweg über alle Websites, Apps und KI-Anwendungen.

Bitte führen Sie folgende Sätze weiter:

Viele haben noch nicht verstanden, dass KI….
…alle Prozesse auf den Kopf stellen wird. Zwar kommt nach dem derzeitigen Hype ein Tal der Tränen, wo sich viele vorschnelle Versprechungen und Erwartungen relativieren werden. Aber die weitsichtigen Unternehmen bauen jetzt an soliden Lösungen der Zukunft. Und weitsichtige Kunden setzen auf genau diese Unternehmen.

Mein persönlicher Rat an die Verantwortlichen der Destinationen lautet:
Lasst euch auf die neue Welt ein, aber tut das weise. Sucht euch Partner und Anbieter, denen ihr vertraut. Versucht, die Grundlogiken der KI zu verstehen, aber versucht nicht selbst immer die neuesten Tools zu testen und zu verstehen. Niemand muss die Unterschiede zwischen einzelnen Sprachmodellen kennen. Dafür gibt es Produkte von echten touristischen Plattformen, die die KI in die Produkte integrieren. Was DMOs aber selbst tun müssen: Baut einen digitalen Zwilling der Region! Kümmert euch noch mehr um die Digitalisierung von allem, was es in der Destination gibt. Nicht zuletzt werden DMOs dringend eine eigene Kundendatenbank brauchen, also ein CRM, das sich aus Meldewesen, Buchungsdaten, Daten auf der Outdooractive-Plattform, usw. speist. Natürlich schreit dann wieder irgendeiner „Datenschutz!“ – aber die großen Player schicken die Gäste irgendwann nicht mehr rüber!

Mit meinem Wechsel von der Geschäftsführung in den Aufsichtsrat werde ich….
…hoffentlich mehr Zeit haben, mich um die strategischen Themen zu kümmern. Ich hoffe, dadurch auch mehr Zeit zu bekommen, um wieder gesünder zu leben und die Welt zu bereisen. In den ganzen Jahren als Unternehmer haben wir uns immer nur maximal zwei Wochen Urlaub pro Jahr gegönnt. Die Wunschliste – vor allem mit Fernreisezielen – ist entsprechend lang. Ich möchte mich aber auch um mein neues Ehrenamt im gemeinnützigen Verein „European Trails e.V.“ kümmern. Als Unternehmer und Unternehmen haben wir immer auch Verantwortung übernommen für Themen, die nicht direkt auf das Geschäftsergebnis einzahlen. Sicherheit, Naturschutz und Besucherlenkung sowie das Trail-Management bleiben daher für mich eine große Aufgabe für die kommenden Jahre.