Zwischen Krisen, KI und Kontinuität

Eine Dekade touristischer Resilienz

Der Wunsch zu Reisen bleibt – auch wenn sich alles verändert. Zwischen Unsicherheit und technologischem Wandel zeigt die Dekade 2016 bis 2026, wie resilient der Tourismus ist. Der Mensch passt sich an, sucht Erholung und Orientierung. Und zunehmend hilft dabei Künstliche Intelligenz, Orientierung zu finden. Ein persönlicher und wissenschaftlicher Rück- und Ausblick auf Basis zentraler Ergebnisse der Reiseanalyse sowie der Trendstudien der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).

Nadine Yarar
Über die Autorin

Nadine Yarar ist Mitautorin der letzten beiden Trendstudien der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) und verantwortet die Reiseanalyse-Formate RA Business, RA online sowie den jährlichen Ergebnisbericht. Ihr Schwerpunkt liegt auf touristischer Marktforschung und Reiseverhalten. Sie promovierte in Konsumentenpsychologie mit Schwerpunkt Gesundheitsmarketing.

Wenn ich zehn Jahre zurückblicke, lande ich unweigerlich bei meiner standesamtlichen Hochzeit 2016 in Istanbul. Damals hatten einige der eingeladenen deutschen Gäste Zweifel, ob sie kommen sollten. Wenige Wochen zuvor hatte es in Istanbul, wie auch in anderen Metropolen, Terroranschläge gegeben. Sicherheit und Vorsicht waren allgegenwärtig und beeinflussten zunehmend auch touristische Entscheidungen. Auch wir als Brautpaar hatten ein mulmiges Gefühl. Gleichzeitig war die Planung – aus heutiger Sicht – deutlich aufwendiger: Fluginformationen und Unterkünfte mussten gegoogelt, Informationen zu Behördengängen und Formularen mühsam auf verschiedensten Plattformen recherchiert werden. Heute wäre man vermutlich nach kurzer Zeit mit Hilfe einer KI-Anwendung ähnlich gut oder besser informiert.
An diesem persönlichen Beispiel werden einige der prägenden Entwicklungen des Tourismus der vergangenen zehn Jahre sichtbar: ein wachsendes Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung angesichts unsicherer Rahmenbedingungen sowie ein großer technologischer Fortschritt.
Bei der beruflichen Rückschau fällt mein Blick direkt auf den Titel der ersten Ergebnisse der Reiseanalyse 2016: ,,Der Terror beeinflusst die Reiseplanung der Deutschen, [ … ] aber 70 Prozent wollen trotzdem sicher oder wahrscheinlich verreisen.“

Die Reiselust bleibt weitgehend unabhängig von Krisen bestehen oder wird vielleicht sogar dadurch genährt

So beunruhigend der Einstieg, so stabil die Kernaussage. Ähnlich fiel auch das Fazit von Prof. Martin Lohmann aus, der in der Trendstudie 2015 untersuchte, wie Krisen, Kriege und Katastrophen den Tourismus beeinflussen. Er kam zu dem Schluss, dass sich das Nachfragevolumen durch Krisen kaum verändert und das Urlaubsreiseinteresse der Deutschen stabil bleibt – wenn auch flexibel in der Ausführung. Als Grund sah er, dass Urlaubsreisen seit jeher zu den Dingen gehören, für die die Deutschen gerne ihr Geld ausgeben. Gleichzeitig erfüllt das Reisen ein stabiles Motivmuster: Ein Urlaub dient der Entspannung, dem Abstand vom Alltag und dem Auftanken neuer Kraft. Die Reiselust bleibt damit weitgehend unabhängig von Krisen bestehen oder wird vielleicht sogar dadurch genährt.
In der gleichen Broschüre zu den Ergebnissen 2016 zeigt sich, wie stark der Wandel durch das Internet bereits damals hervorgehoben wurde. Die Internetnutzung wurde alltäglicher und die Kunden zugleich kompetenter – einerseits durch mehr Reiseerfahrung, andererseits durch wachsende Informationsmöglichkeiten.

Damit veränderte sich auch die Art, wie Entscheidungen vorbereitet wurden. Informationen standen in einer Fülle zur Verfügung, die zunehmend schwer zu überblicken war. Schon damals wurde deshalb die Gefahr eines steigenden Informationsaufwands bis hin zu einer Informationsüberlastung beschrieben. Entsprechend groß war der erwartete Einfluss des Internets auf Entscheidungsstrategien. Die Prognose bis 2025 lautete: ein weiterer starker Zuwachs der Internetnutzung insgesamt sowie insbesondere zur Information und Buchung von Urlaubsreisen.
Die Reiseanalyse ging also 2016 mit zwei zentralen Erkenntnissen in die Zukunft: Reisende passen sich flexibel an Krisen an und verschieben ihre Reiseentscheidungen eher räumlich oder zeitlich. Gleichzeitig wurde erwartet, dass das Internet den größten Wandel im Entscheidungsverhalten auslösen würde.
Und dann kam das Jahr 2020. Anfang des Jahres entstand die neue Trendstudie mit Prognosen bis 2030. Kurz darauf führte die Coronapandemie erstmals in der Geschichte des Tourismus zu einem zeitweiligen Stillstand des Reisens und zu massiven Einschränkungen. Für die Trendstudie bedeutete das, alle bisherigen Entwicklungen in einem neuen Licht betrachten zu müssen. In einem zusätzlichen Kapitel wurde die Erwartung formuliert, wann die durch Corona unterbrochenen Entwicklungen wieder back on track sein würden. Nach damaliger Einschätzung sollte dies in vielen Bereichen bis 2025 gelingen. Dahinter stand die Annahme, dass die Grundtriebkräfte des Reisens – Zeit, Lust und Geld – weiterhin vorhanden seien und die Menschen im Wesentlichen auf die Aufhebung der Einschränkungen warteten. Zwei spätere Updates griffen die Prognosen erneut auf und bezogen weitere Entwicklungen sowie neue Unsicherheiten mit ein, etwa den Ukraine-Krieg oder die steigende Inflation.

Reisende passen sich flexibel an Krisen an und verschieben ihre Reiseentscheidungen eher räumlich oder zeitlich

Die ersten Ergebnisse der Reiseanalyse 2026 zeigen, dass sich die back on track-Einschätzung weitgehend bestätigt hat. Im Reisejahr 2025 haben mehr Menschen als je zuvor eine Urlaubsreise unternommen, gleichzeitig gab es so viele Kurzurlaubsreisen wie nie zuvor. Obwohl die wirtschaftliche Lage seit einigen Jahren deutlich kritischer bewertet wird, lassen sich die Deutschen kaum von ihren Reiseplänen abbringen.
Interessant ist, dass sich die Reiselust selbst kaum verändert hat, wohl aber einige der Motive dahinter.

Seit Corona steigt die Bedeutung hedonistischer Motive wie sich unterhalten und verwöhnen zu lassen, Spaß zu haben, etwas für die Schönheit zu tun oder einfach unterwegs zu sein. Die Menschen wollen wieder raus, sich selbst etwas Gutes tun und zur Normalität des Reisens zurückkehren. Reisen kann dabei auch eine Form der Ablenkung von den Sorgen des Alltags sein und dadurch künftig weiter an Bedeutung gewinnen.
Während die Reiselust insgesamt stabil bleibt, hat sich ihre Umsetzung in konkrete Entscheidungen merklich verändert. 2016 galt die wachsende Internetnutzung als größter Einflussfaktor bis 2025. Heute hat nahezu jeder ein Smartphone mit mobilem Internet – und ja, das hat das Entscheidungsverhalten nachhaltig verändert. Hinzu gekommen ist jedoch eine Entwicklung, die damals so nicht absehbar war: Kl-gestützte Anwendungen. Ende 2025 nutzte bereits jeder fünfte Deutsche eine KI-Anwendung zur Information oder Planung von Urlaubsreisen, und ein noch größerer Anteil kann sich dies künftig vorstellen. Die Nutzung wird als zeitsparend und unterstützend erlebt und geht häufig mit einem Gefühl von entspannterem und sichererem Reisen einher. Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage könnte insbesondere dieser Aspekt die weitere Verbreitung zusätzlich verstärken.

Heute wissen wir mehr über die Resilienz der Nachfrage und damit auch über die Robustheit des Tourismus

Und wie lassen sich die nächsten zehn Jahre einordnen? Dies stellte uns insbesondere beim Verfassen der aktuellen Trendstudie vor Herausforderungen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Entwicklungen stärker unter Berücksichtigung ihres Umfeldes betrachtet werden müssen. Die letzten zehn Jahre waren von zahlreichen Unsicherheiten geprägt, die uns voraussichtlich auch künftig begleiten werden.

Gleichzeitig wissen wir heute mehr über die Resilienz der Nachfrage und damit auch über die Robustheit des Tourismus.
Die Entwicklungen verlaufen dabei längst nicht mehr linear. In den Zeitreihen zeigen sich Brüche und neue Dynamiken, etwa bei technologischen Entwicklungen wie der KI-Nutzung. Gerade dieser Bereich wird die Informations- und Entscheidungsprozesse der Reisenden weiter prägen. Und doch bleibt die Reiseentscheidung auch künftig an grundlegende Rahmenbedingungen gebunden: Zeit, Budget und persönliche Motive bestimmen weiterhin, ob und wie gereist wird.
Und damit schließt sich der Bogen zu meinem persönlichen Rückblick. Auch dort ließen sich unsere Gäste letztlich eher von der Freude, bei unserer Hochzeit dabei zu sein, als von ihren Sorgen leiten und machten sich trotz aller Unsicherheiten auf den Weg nach Istanbul. Und genau darin liegt eine Konstante der letzten und hoffentlich auch nächsten zehn Jahre: Reiseentscheidungen bleiben menschlich.