Künstliche Intelligenz
Absehbar. Aber in ihrer Wucht unterschätzt.
Adi Hadzimuratovic und Stefan Huber, beide Geschäftsführer der destination.one GmbH, über die Erwartungen an künstliche Intelligenz, die Rolle des Menschen in einer neuen Arbeitswirklichkeit, und den Wandel der DMO-Website vom Schaufenster zum Datenanker.
Wenn ihr technologisch zurückschaut auf die letzten Jahre: Konntet ihr als Tech-Unternehmen schon absehen, dass es diese rasante KI-Entwicklung geben würde – oder wart ihr selbst ein bisschen überrascht?
Huber: Ehrlich gesagt: beides. Wir sind seit über 25 Jahren in der Digitalisierung des Tourismus unterwegs und haben viele Technologiewellen erlebt – von der Mobile-Revolution bis zu Chatbots. Dass KI kommt, war absehbar. Aber die Geschwindigkeit und vor allem die Wucht, mit der sich diese Technologie entwickelt hat, hat auch uns überrascht.
Hadzimuratovic: Als wir vor gut zwei Jahren die ersten KI-Anwendungen für Kunden entwickelt haben, spürten wir sofort: Das ist kein weiteres Tool, das ist eine tektonische Verschiebung. KI ist transformativer und grundlegender als jede Software-Einführung zuvor – sie verändert die Art, wie wir arbeiten, denken und Wertschöpfung organisieren.
Die Etablierung neuer Technologie auf der Handlungsebene ist ein kultureller Prozess, kein technischer. Es braucht Mut, Geduld und die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen.
Ihr habt großen Aufwand betrieben, schnell reagiert und euch mit der eigenen KI-Plattform an die Spitze des Prozesses gesetzt. Warum ist es diesmal gelungen, tatsächlich viele Akteure davon zu überzeugen, hier an einem Strang zu ziehen – und warum ist das früher bei anderen Themen nicht geglückt?
Huber: Der entscheidende Unterschied liegt im Leidensdruck und in der Dringlichkeit. Früher waren viele Digitalisierungsthemen optional – nice to have. Bei KI geht es um existenzielle Fragen: Wer kontrolliert unsere Daten? Wer profitiert von der Wertschöpfung? Aktuell fließen 99 Prozent des KI-Workloads zu US-Anbietern. Das bedeutet: Wir finanzieren unfreiwillig die Innovationskraft derer, die unsere digitale Unabhängigkeit gefährden. Dieses Bewusstsein hat die Branche aufgerüttelt.
Hadzimuratovic: Hinzu kommt: Wir haben nicht vom Reißbrett aus geplant, sondern aus der Praxis heraus entwickelt. one.intelligence ist das Ergebnis echter Pionierarbeit – wir haben Chatbots gebaut, KI-Suchen integriert, Voice Bots entwickelt. Diese Glaubwürdigkeit und das App-Store-Prinzip – ein offenes Ökosystem statt einer proprietären Lösung – haben überzeugt.
Die Geschwindigkeit und vor allem die Wucht, mit der sich die KI-Technologie entwickelt, hat auch uns überrascht
Im Moment ist KI sehr gehyped. Kann KI die großen Erwartungen in euren Augen wirklich erfüllen – oder folgt vielleicht bald ein Tal der Ernüchterung?
Hadzimuratovic: Beides wird passieren – und beides ist gesund. Ja, es wird Ernüchterung geben, wenn Menschen merken, dass KI kein Selbstläufer ist. Die beste Technologie ist wertlos, wenn die Menschen nicht wissen, wie sie sie bedienen. Deshalb ist Wissensaufbau so zentral für uns.
Huber: Gleichzeitig wird KI die Erwartungen erfüllen – aber nur dort, wo sie strategisch eingesetzt wird. KI entfaltet ihren vollen Wert erst, wenn sie nicht nur Prozesse optimiert, sondern den Tourismus bereichert: durch neue Zusammenarbeit, mehr Nachhaltigkeit, individuellere Gästeerlebnisse. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen – mit Kreativität, Intuition und Empathie.
Adi: Bitte führe kurz folgende Sätze zu Ende:
Die Digitalisierung des Deutschlandtourismus ist…
…auf einem guten Weg, aber fragmentiert. Es fehlt noch an gemeinsamen Standards und der Mut, Datenhoheit wirklich ernst zu nehmen.
Das vielleicht größte Missverständnis mit Blick auf KI ist,…
…dass sie fertige Lösungen liefert. KI ist ein Werkzeug, das Kompetenz, Strategie und kulturellen Wandel braucht – sonst verpufft ihr Potenzial.
Mit Blick auf die derzeitigen Herausforderungen auf Destinationsebene sollte nicht vergessen werden, dass…
…Technologie nie Selbstzweck ist. Es geht um Menschen, Erlebnisse und regionale Identität – KI muss diese stärken, nicht ersetzen.
Was sind KI-mäßig die nächsten Schritte, die ihr als Unternehmen gehen werdet?
Huber:Wir stehen vor massiven regulatorischen Anforderungen – der EU AI Act bringt erhebliche Transparenz-, Dokumentations- und Compliance-Pflichten mit sich. Deshalb gehen wir jetzt konsequent den nächsten Schritt: Wir arbeiten an der ISO-Zertifizierung und verlegen unsere Server, auf denen unsere lokalen Sprachmodelle laufen, an einen deutschen Standort mit 100 Prozent Ökostrom. Das ist nicht nur Compliance – das ist gelebte KI-Souveränität.
Hadzimuratovic: Parallel bauen wir den one.intelligence marketplace weiter aus und stärken die one.academy als zentralen Wissens-Hub. Nur wenn Technologie und Kompetenz Hand in Hand gehen, wird KI nachhaltig wirksam.
Was bedeutet intelligentes Datenmanagement – und wie weit sind die Destinationen?
Hadzimuratovic: Intelligentes Datenmanagement bedeutet: strukturiert, semantisch aufbereitet, maschinenlesbar – und vor allem souverän. Wer mit schema.org, JSON-LD oder über one.data arbeitet, sichert sich Informationshoheit. KI-Systeme ziehen rund 40 Prozent ihrer Antworten aus institutionellen, strukturierten Quellen – genau hier liegt die Chance für Destinationen.
Huber: Wir sehen große Fortschritte, aber auch noch viel Luft nach oben. Viele Destinationen unterschätzen, dass Daten die Währung der Zukunft sind. Sie müssen in geschützter, heimischer Infrastruktur veredelt werden – sonst verlieren wir die Kontrolle an Plattformen wie Google oder Booking.com.
Die DMO-Daten müssen jetzt in geschützter, heimischer Infrastruktur veredelt werden – sonst verlieren wir die Kontrolle an internationale Plattformen
Ist es richtig, dass sich die Rolle der Website derzeit wandelt – vom Schaufenster zur Datenquelle?
Hadzimuratovic: Absolut. Der Paradigmenwechsel ist klar: Die Website als Einstiegsseite wird ersetzt durch die Website als Datenanker. Früher war Google das Tor zur Welt – heute heißen die Eingänge ChatGPT, Gemini oder AI Overview. KI zieht Informationen aus einem semantischen Netz – und die offizielle Website ist das verlässliche Original, auf das sich Maschinen und Menschen stützen. Wer seine Website vernachlässigt, läuft Gefahr, unsichtbar zu werden – verdrängt durch Plattformen. Die Website wird zur digitalen Infrastruktur: Datenzentrale, Identitätsbühne und Vertrauensquelle in einem. KI mag Antworten liefern – aber wer die Quelle kontrolliert, bleibt entscheidend.
Stefan: Bitte ergänze kurz folgende Sätze:
An Technik hat mich immer fasziniert, dass…
…sie Komplexität reduzieren und gleichzeitig neue Möglichkeiten schaffen kann – wenn sie dem Menschen dient, nicht umgekehrt.
Die Etablierung neuer Technologie auf der Handlungsebene ist…
…ein kultureller Prozess, kein technischer. Es braucht Mut, Geduld und die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen.
In meinen Augen ist die Abhängigkeit von US-amerikanischen Lösungen…
…ein strategisches Risiko. Wir exportieren Kapital, Wissen und Wertschöpfung – statt in heimische, souveräne Infrastruktur zu investieren. Das müssen wir ändern.
Was wird Technologie vielleicht nie besser können als der Mensch?
Hadzimuratovic: Identität schaffen. Emotionen erzeugen. Haltung zeigen. KI kann Inhalte verteilen, verknüpfen, personalisieren – aber keine Marke erschaffen. Die Frage „Wer sind wir?“ kann sie nicht beantworten.
Huber: Ton, Bildsprache, Regionalkultur, Empathie – das bleibt menschlich. Je digitaler unsere Prozesse werden, desto wichtiger wird das menschliche Gegenüber: sichtbar, ansprechbar, verlässlich. Technologie und Menschlichkeit sind keine Gegensätze – sie stärken sich gegenseitig.

